Morbider Charme am sizilianischen Ufer (Fiedhof von Milazzo)
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Tauchkreuzfahrt - Liparische Inseln / Sizilien
auf der Oldtime-Brigantine Florette

im August 2006

mit Mitgliedern der Newsgroup de.rec.sport.tauchen

Florette in (fast) voller Pracht, Klick führt zur Florette 1973

Putzigerweise gab es fast zeitgleich eine Bootssafarie anderer Newsgroup-Schreiber in Ägypten, zu der eine riesige Diskussion entfacht wurde. Zitat aus diesem Thread:
> Immer wieder amüsant, wenn die Newsgruppe gemeinsam in die Ferien fährt.
> Vielleicht sollte jemand die Texte sammeln und ein Buch dazu veröffentlichen: "Mobbing, Krieg und Tiefenrausch".
> Ist ja mittlerweile auch ein Trend! *SCNR*

Diese Gruppenfahrten von Gleichgesinnten auf der Florette finden schon seit Jahren statt und sind synonym für 'freyes' Tauchen. Auch dazu hat es schon Diskussionsschlachten in d.r.s.t. gegeben, die mich neugierig machten und zwischen den Zeilen einen starken Tauchurlaub versprachen. So schlug ich kurzentschlossen als bisheriger Nie-Florettler zu, als noch freie Plätze für zwei Wochen Boot angeboten wurden.


Die Anreise
Kartenausschnitt Reisegebiet
Es fing schon gut an. Matthias, der Organisator (nicht der Veranstalter, das war N.cker..nn), hatte trotz der kurzen Frist einen Flug direkt von Dresden nach Lamezia Terme bekommen können, einem Flughafen in Kalabrien (auf der italienischen Stiefelspitze), von dem ich noch nie gehört hatte.
Die Flugesellschaft db? tat zwar einiges, um den Reiseantritt zu vermiesen (wer Lust hat, kann sich ja mal die Querelen ansehen), aber Flug und Transfer zum Boot klappten nach dem initialen Adrenalinausstoß dann ganz gut. Natürlich mussten die Bleigelakkus im Handgepäck ausführlich erklärt werden, aber das war ja schon gewohnt und ging in entspannter Atmosphäre vor sich. Die anderen Teilnehmer, die woanders abflogen, hatten sogar ihre Doppelflaschen-Pakete mit, was ich schon vor Jahren wegen wiederholter Ablehnungen aufgegeben hatte. Natürlich waren Tauchgepäck und Flaschen vorher von Matthias angemeldet worden. Die Bestätigungen hatten wir (glücklicherweise, s.o.) dabei.
Auch der Kleinbus des Veranstalters, der uns ohne Verzögerung von Lamezia in den Hafen von Vibo schaukelte, hatte genug Platz für das Tauchgepäck, das nur dem Fahrer beim Hereinheben ein Stöhnen abrang, und fand den Liegeplatz der Florette sehr sicher.
Nun mussten nur noch alle an Bord begrüßt und das für den Spätankömmling aufgehobene Hefeweizen geöffnet werden und man war in der Gruppe angekomen :-))

Brigantine Florette Das Schiff
In die Florette hatte ich mich schon verguckt, als ich zwischen all den weißen Luxusyachten in Vibo Marina mit dem Koffer auf sie zustolperte. Ich war emotional vorgespannt, vor 40 Jahren durfte ich mal 2 Wochen auf dem Segelschulschiff Wilhelm Pieck mitfahren und Messing putzen, heute die Greif im Besitz der Stadt Greifswald.
Die Takelage der Brigantine Florette erinnerte mich sofort an dieses 1951 in der DDR als Brigantine/Schonerbrigg gebaute allerdings Stahlschiff.
Die Florette wurde 1921 aus Eiche für den Marmortransport bis nach Spanien gebaut, hat eine bewegte Geschichte (unbedingt den Doku-Hefter von Ron zeigen lassen!) und kam 1983 in die Hände des Vaters des heutigen Käpt'n Ron.
Vater und Sohn haben mit viel Geschick, Arbeit und Liebe einen echten Oldtimer geschaffen, der aber auch, wo es ging, mit moderner Technik ausgestattet ist (Motorisierung, Navigation, Kommunikation, Kombüse, Schlauchboot, Tauchkompressoren,...) und in jeder Ecke, in die ich gucken konnte, einfach proper aussah. Ein bisschen kann ich vergleichen, weil ich mich in Kroatien, Griechenland oder Bulgarien immer für solche alten Kähne interessiert habe.
Segel gesetzt!Mit ihrem Motor, der kein kleiner Hilfsdiesel und ausgesprochen leise und geruchsarm ist, macht die Florette 6-9kn. Sie ist natürlich segelfähig und hat nicht nur für die Touris ein paar Wanten am Mast. Unter vollen Segeln geht sie bis zu 12kn, und wir sind gesegelt, ein tolles Gefühl mit so einem großen Schiff.
Absolut stark für mich war, die alte Dame mal ein paar Stunden steuern zu dürfen (als gerade kein Stein, kein Boot, kein Fisch zu sehen waren ;-)).

Durch das Bemühen, möglichst authentisch ein  80-jähriges Segelschiff zu erhalten, ist die Florette natürlich kein Luxusschiff für alle Bequemlichkeiten der Passagiere und auch kein typisches Taucherboot. Aber das war allen vorher klar, und man akzeptierte es notgedrungen oder begeistert.
  Greif Florette
Baujahr 1951 1921
Verdrängung 280t 120t
Länge 41m 40m
max.Breite 7,6m 7m
Tiefgang 3,6m 2,8m
Segelfläche 570m² 600m²
Mitsegler 30 20
Schonerbrigg Greif in voller Pracht
Eben ein Segelschiff, aber auch ein Tagessalon zum Wohlfühlen!
Blick in die 2-Personen-Kabine Kombüse - klein aber fein! Messe unter Deck
Die neun 2-Personen-Kabinen bestehen praktisch nur aus den Kojen, in deren Seitenabteilen man einiges unterbringen kann, einem kleinen Spind, Wandtisch und Waschbecken, völlig ausreichend für eine Männerwirtschaft im Badehosen/T-Shirt-Look. Aber auch die Damen kamen erstaunlicherweise klar - Kompliment !
Die meisten haben auf mitgebrachten Unterlagen an Deck geschlafen, mir gefiel's aber prima in meiner Koje, da ich direkt unter der großen, zum Bug öffnenden Lüftungsklappe lag und so immer Wind hatte.
Das herrliche Geknarze und Genarre des alten Holzschiffes bei nächtlicher Dünung war anfangs gewöhnungsbedürftig, hat einen aber dann in den Schlaf gewiegt. Die relativ neu eingebauten drei Toiletten waren durch ihr Bedienregime auch etwas ungewohnt, funktionierten aber und waren immer sauber.
Sonnendeck mit Segelschutz
Ein Problemchen war das Brauch-Süßwasser (duschen, waschen, Ausrüstung spülen, kochen,..). Die Florette hatte 6m³ gebunkert, aber zwei Tage vor Reiseende war's alle - doch zuviel geduscht! Wir bekamen sofort große Wasserflaschen, mit denen das Nötigste problemlos zu erledigen war. Man war sowieso mehrfach am Tage außenbords. Nicole versuchte, uns mit dem Hinweis zu schocken, dass jetzt alles mit Salzwasser gekocht würde ;-))
Die Messe unter Deck hätte zwar für uns alle gereicht, wurde aber nie benutzt, weil sich das ganze Leben an Deck abspielte, essen, schwatzen, schlafen, bei Bedarf unter einem Sonnensegel.
In der Kombüse, dem kleinen Häuschen in der Schiffsmitte, bereitete Nicole, die Frau vom Kapitän, das Frühstück und ein bis zwei warme Mahlzeiten für die ganze Truppe zu. Wir hatten 50/50 Halb- und Vollpension, um bei den Landgängen auch mal in den Kneipen essen zu können, sehr vernünftige Regelung. An Bord gab es naturgemäß einfache Kost, aber immer mit kleinen Schmankerln, und manchmal Büffets und Menüs, die uns überraschten. Trotz Taucherei und Wanderausflügen habe ich zugenommen.
Kleine Hilfsdienste (aber wirklich kleine) beim Servieren, Abräumen, Segel bergen oder der Endreinigung wurden dankbar angenommen und taten keinem weh.
Wäsche legen an Bord
Zum Schiff gehören natürlich auch die Menschen... 
Wir hatten 13 Volltaucher, 3 Gelegenheitstaucher, 3 Nichttaucher, 7  Besatzungsmitglieder (davon etwa 4 Hand-für-Koje-Kräfte) und einen Hund (ganz wichtig und beliebt) an Bord. Zwischen allen (auch Passagiere - Besatzung) herrschte (über die gesamte Zeit!) eine Harmonie und Kameradschaftlichkeit, wie ich sie selten erlebt habe. Lediglich, dass fast alle unausgesetzt rauchen mussten, war ein Wehrmutstropfen :-((
Eine (allerdings sehr kommunikative) Zufallspassagierin aus Spanien und auch ich als (weniger kommukativer) Florette-Neuling wurden problemlos und vom ersten Tage an integriert und in Freud und Leid einbezogen ... sehr erfreulich!

Flaschen-Schlange vor Kompressor Das Tauchen
Die Florette wurde verständlicherweise nicht zu einem Sporttaucher-Schiff ausgebaut. Es gibt kein bequemes Taucherdeck und die Leiter ist zum Ausstieg aus dem Wasser eher weniger ... naja! Es ist eben anders als auf den bekannten Safariebooten, aber mit Rücksicht und Gewöhnung ging es ausgezeichnet. An Ausrüstungen waren 15-l- und 12-l-Flaschen (meist mit DIN-Doppelventilen), Blei und Kompressoren vorhanden. Wir richteten uns für das Anplünnen auf dem Vorderdeck und im Backbord-Gang ein, wo man die Geräte zusammenbauen und sich im Sitzen anziehen konnte. Bei längeren Fahrten und starkem Wind musste das Gerödel allerdings fest verstaut werden. Für mich hat sich mein robuster spritzwasserdichter  Hartschalenkoffer bewährt, in dem alles außer der Flasche verschwinden konnte und der dann einfach in irgendeine Lücke geschoben wurde.
Taschen und Täschchen erschienen mir eher weniger geeignet.
Nach dem Anrödeln ging's entweder per Sprung von Bord, wenn Ron direkt am Tauchplatz ankern konnte, oder per Umstieg in's Schlauchboot über die Schiffsleiter. Das liebte ich nicht so besonders, aber nach einigen Tagen war es schon eine gewohnte Geschichte. 
Wenn die Florette am Tauchplatz ankerte, ging's über die Leiter auch wieder direkt aus dem Wasser, bei Strömung und Wellengang gewöhnungsbedürftig, aber machbar. In Ägypten hatten wir schon schlimmere Übungen.
Wenn man entfernt vom Boot hochkam, setzte man die Boje und wurde präzise und schnell von Jenny (und ev. Paxos, dem Schiffshund) mit dem Schlauchboot abgeholt (hat immer geklappt). Sie hat Schwerarbeit geleistet, um einem Dugong wie mir über den Wulst zu helfen. Beim Entladen des Schlauchbootes (die Doppelkoffer!!!) halfen alle verfügbaren an Bord, auch die Nichttaucher :-)
Sofort nach dem Tauchgang lief der Kompressor wieder und pumpte die Flaschen auf nette 220bar auf.
Das Tauchen lief ohne Guides. Nach dem kurzen Briefing durch einen, der den Tauchplatz schon kannte oder durch Ron, der anhand seines Echolotes vermutete, wie er aussehen könnte, wurden 2er- und 3er-Grüppchen ins Log geschrieben, die sich manchmal uW auch in 1er-Buddyteams aufspalteten. Die Grüppchen waren frey in der Gestaltung ihres Tauchgangs, der meist mit Deko verbunden war und schon mal etwas tiefer führen konnte, um z.B. schwarze Korallen zu sehen. Der jeweils Beauftragte an Bord passte scharf auf, wer noch nicht wieder da war. Wir haben nie jemanden vergessen, nur einmal ruckte Ron an der Ankerkette, um einen Dauerdekoiker zu veranlassen, darauf zu verzichten, dass auch sein DC12 ihn aus dem Wasser ließ, nachdem schon sein VC3 und sein xy zufrieden waren ;-))
Los geht's zum TauchplatzIch fühlte mich sehr sicher in dieser Umgebung. Alle wussten, was sie taten und gingen kein unkalkulierbares Risiko ein.  Die einen waren vorsichtiger und tauchten nach Deko2000 aus, andere führten mehrere Computer zum Vergleich mit und optimierten, noch andere vertrauten ihren Erfahrungen. Ich hielt mich wieder an meinen Aladin, der meinen Geweben offensichtlich gut entspricht, weil ich noch nie Probleme hatte, wenn ich mich an die Vorgaben hielt.  Ich saß natürlich schon länger auf 3m rum als die, die Tiefenstops gemacht hatten.
Nach einer Anpassungsphase von 2-3 Tagen habe ich herrliche, entspannte Tauchgänge erlebt. Es gibt nichts Schöneres, als sich durch das Blaue auf eine Peak fallen zu lassen, der um 40m beginnt.
Vor dem Tauchgang
In's Boot!
Strombolicchio - steiler Zahn über und unter WasserDie Sicht war allgemein unter meinen Erwartungen, aber ich bin generell mehr ein Gefühler als ein Seher. Meine Befriedigung ist mehr das Tauchgefühl an sich und nicht so sehr Flora und Fauna, die ich zu sehen bekomme.
Deswegen gehe ich hier nicht weiter auf solche Highlights ein.
Für mich der eindrucksvollste Tauchplatz war der Strombolicchio, der uW genauso steil bis auf 70-80m abfällt und wunderschöne Steilwände bietet.
Wir sind mehrfach, auch in der Nacht, dort getaucht, und es hätte länger dauern können.

Auch hier muss ich wohl wieder die Florette-Truppe loben. Niemand wurde scheel angesehen, weil er mal keine Lust hatte oder weil er den ganzen Betrieb aufhielt, um 1h Deko abzusitzen. Niemand wurde bespöttelt, weil er heute nicht auf größeren Tiefen rumgekrebst war. Niemand gab damit an, ach wie tief er heute wieder gewesen sei. Es wurden auch mal 20-m-tiefe Runden gedreht, damit Anfänger ihren Spaß hatten - einfach entspannt.
Also Tauchen von der Florette - jederzeit wieder, .... wenn es nicht noch so viel Anderes zu Sehen gäbe.

Scylla (und Charybdis)
Lipari - Hauptstadt der Hauptinsel Sonstiges Programm
Tauchen war schon der Hauptzweck der (meiner) Reise. Aber wir kreuzten durch ein malerisches und geschichtsträchtiges Gebiet, das ja auch an Land seine Reize (Vulkane, Berge, wilde Schluchten, antike Städte, Museen, Kneipen, Modeshops, ...) hatte. An den Abenden oder auch mal den ganzen Tag gab es immer wieder Gelegenheiten, sich mit dem Boot an Land bringen zu lassen und die Gegend unsicher zu machen. Wir waren in Lipari, auf Vulcano, in Taormina, in Milazzo, auf Stromboli, ..., nicht jeder überall, eben wie er/sie es wollte. Man konnte die alten Städte ansehen, auf Berge steigen oder auch nur im Café sitzen und die italienischen TouristInnen begucken.
Unsere Tour war ursprünglich weiter nördlich geplant, bis nach Ischia/Capri hinauf. Das Wetter war nicht an dem. Als am Beginn der Nordfahrt sich wegen der Wellen immer mehr grün verfärbten, lenkten wir ein, dehnten einfach die Tour weiter nach Süden bis nach Taormina aus, why not, mir war's recht, ich kannte alles nicht. Das ist einfach inklusive, wenn man mit einem Gefährt unterwegs ist, das von Wind und Wetter abhängt.
Stromboli - die schlackige
Taormina (Sizilien) Stromboli bei Nacht
Florette vor Taormina Ausschließlichen Landurlaub hätte ich im August in dieser Gegend sicher nie gemacht.
In Ergänzung der Kreuzfahrt war es aber ideal, ab und zu (nicht zuviel) solcher Ablenkungen zu haben - gute Mischung.

 

Antikes Halbrund-Theater in Taormina (Sizilien)

Sicher habe ich viel vergessen, was anderen Teilnehmern wichtig ist, oder Ihr seht es anders.
Schreibt es auf, und ich stelle es hierher!

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